Meilensteine

Das Jahrhundertspiel

18. Mai 1960

Kassiert eine Fußballmannschaft sieben Gegentore, ist in aller Regel der Aufschrei groß, Verantwortliche und Spieler stehen am Pranger und alle Beteiligten beten, dass diese Schmach allmählich anderen Themen weicht, idealerweise in Vergessenheit gerät. Und nicht nach über einem halben Jahrhundert auf der vereinseigenen Internetpräsenz erneut aufgegriffen wird.

Allerdings verhält es sich damit anders, wenn der betroffene Verein im selben Atemzug als wesentlicher Faktor des – nach Meinung der meisten Experten und einiger Fachpublikationen – größten Spiel der Fußballgeschichte genannt wird. Die Rede ist vom Finale des Europapokals der Landesmeister (Vorgänger der Champions League) 1960 in Glasgow.

Zuschauerrekord

Offiziell 127 621 Zuschauer wurden Augenzeugen eines vielleicht einzigartigen Spektakels, welches in einem furiosen 7:3-Triumph Real Madrids über Eintracht Frankfurt gipfelte. Wenngleich sich nach übereinstimmenden Berichterstattungen insgesamt knapp 134 000 Personen im Hampden Park befanden, womit am 18. Mai 1960 ein Zuschauerrekord im Europapokal aufgestellt wurde, der bis heute Bestand hat und aufgrund der Tatsache, dass die modernen Stadien in ihrer Kapazität eher schrumpfen als andersherum, höchstwahrscheinlich auf unabsehbare Zeit unerreichbar sein wird.

Ebenso wenig erreichbar schien im Vorfeld des Jahrhundertspiels die Chance der von Paul Oßwald trainierten Mannschaft, den bedeutendsten europäischen Vereinstitel zu erringen – trotz der ein Jahr zuvor eingefahrenen Deutschen Meisterschaft. Die „Schlappekicker“ vom Main sahen sich dem schier unbesiegbaren Mythos Real Madrid gegenüber. Der Weltklub um die Ausnahmekönner Alfredo di Stéfano und Ferenc Puskás – letzterer wird Kennern der Fußballhistorie vor allem durch die Weltmeisterschaft 1954 ein Begriff sein – hatte seit Einführung des Europapokals sämtliche vier Wettbewerbe für sich entscheiden können.

Der fünfte war also nur noch Formsache. Von dem angeblichen Klassenunterschied war aber zunächst wenig zu spüren. Kaum lief das Spiel, schon wackelte erstmals das Gehäuse von Real-Torwart Rogelio Domínguez. Ernst Meier hatte die erste Chance des Spiels an die Latte gesetzt. Richard Kress machte es in der 18. Minute besser und erzielte die 1:0-Führung. Dann schaffte es auch das „Weiße Ballett“ auf die Bühne. Etwas verspätet, aber dafür umso imposanter tanzte das magische Dreieck bestehend aus di Stéfano, Puskás und Francisco Gento durch die Reihen der Riederwäldler. Wie im Flug stellten die Spanier vor der Halbzeit auf 3:1, womit das Spiel nach menschlichem Ermessen entschieden war. Die Pflicht war getan, die Kür sollte folgen – für beide Mannschaften.

Torrekord

Für die Königlichen, weil sie die komfortable Führung nicht verwaltete, sondern wie im Rausch agierend, eine Sahne-Aktion nach der anderen auf den Rasen zauberte. Sie zelebrierten ein Spektakel, das Fußball-Ästheten als Kunst bezeichnen würden.

Für die Adler-Träger um Kapitän Alfred Pfaff, die sich – inspiriert von ihrem Kontrahenten? – auch nach Puskás‘ lupenreinem Hattrick  nicht einigelten, sondern konstruktiv zum Gelingen der Show beitrugen. Erwin Stein belohnte sich, die Mannschaft und die Zuschauer mit zwei Treffern, zwischen denen di Stéfano abermals traf. Das Resultat: Real Madrid sieben, Eintracht Frankfurt drei. Zehn Tore für die Geschichtsbücher. Bis heute fielen in keinem Europapokalendspiel mehr Treffer – von Elfmeterschießen einmal abgesehen.

Bleibt noch, die eingangs gestellte Behauptung zu widerlegen. Von wegen Aufschrei, Pranger, Hoffnung auf Verdrängen. Bei der Rückkehr nach Deutschland jubelten den Protagonisten jenes historischen Auftritts über 100 000 Fans zu. Der Lohn für 90 Minuten für die Ewigkeit.

 

Der Torreigen in Bild und Ton:



 

Kontakt

Eintracht Frankfurt e. V.

Alfred-Pfaff-Straße 1
60386 Frankfurt/Main

Tel.: +49 69 42 09 70-0
Fax: +49 69 42 09 70-999