Aktuelles aus dem Verein

Interview mit Sportpsychologin Birgit Zmrhal

Montag, 15. Juli 2013, 09:11

Leistungssport geht an die Grenze des Machbaren. Es wird die Kondition verbessert oder die Technik verfeinert, ebenso wird auf die Ernährung geachtet. Doch auch der Kopf kann für solche Belastungen trainiert werden. Wir haben mit der Sportpsychologin Birgit Zmrhal über Psyche und Sport gesprochen.

1.)    Was bedeutet eigentlich Psyche im Sport?

Unter Psyche können unsere Denkmuster und Emotionen verstanden werden, das eigene, innere Erleben. Psyche im Sport zu betrachten bedeutet, den Denkmustern und Emotionen Aufmerksamkeit zu schenken. Wichtig ist mir, gleich zu Beginn zu sagen, dass Psyche nicht psychisch krank bedeutet.

2.)    Wo kommt Sportpsychologie zum Einsatz und warum?

Sportpsychologie kommt in Form von Einzel- und Team-Coaching, aber auch in „Coach the Coach“-Situationen zum Einsatz. Themen können dabei sein: Leistungssteigerung und -erhalt, Verarbeitung von Niederlagen und Erfolg, Unterstützung bei Verletzungen, Wettkampfvorbereitung und Karrieregestaltung. Die Sportpsychologie ist nicht dazu da, eine Heilbehandlung für eine psychische Erkrankung zu sein. Wenn jemand psychisch erkrankt ist, braucht er eine Heilbehandlung, d.h. eine geeignete Therapie. Die Sportpsychologie unterstützt die Athleten und Trainer in der Bewältigung ihrer Aufgaben und dabei, ihre Ziele zu erreichen. Sie sollte als fester Bestandteil der Betreuung angesehen werden. Insgesamt sind die Anliegen individuell sehr unterschiedlich. Eine gute Gesamtsituation aus Berufs-, Sport-, und Privatleben ist wichtig. Die beste Betreuung wirkt nicht, wenn z.B. der Arbeitsalltag bei Leistungssportlern, die zusätzlich zum Sport berufstätig sind, zu Lasten guter sportlicher Leistungen geht.

3.)    Welchen Stellenwert hat die Psyche im Sport?

Aus meiner Sicht einen ganz hohen Stellenwert. Unsere Denkmuster haben einen großen Einfluss auf unser Verhalten und Empfinden. Das Interesse an professioneller sportpsychologischer Unterstützung steigt.

4.)    Was macht Sportler psychisch stark?

Wissenschaftlich gesehen drei Faktoren: wenig Grübeln, volle Konzentration auf die Handlung und wenig Angst vor Misserfolgen.
Es ist gut, verschiedene Dinge über sich und seinen Körper herausfinden: Wie gehe ich gedanklich und emotional mit unterschiedlichen Situationen um? Wann und wie spüre ich Zuversicht und Freude in meinen Sport? Eine gute Selbsteinschätzung und ein starker Bezug zur Gegenwart sind wichtig. Trotz eines Negativerlebnisses, ist es sinnvoll, die erbrachte Leistung wertzuschätzen, Positives daraus mitnehmen und sich zu fragen, was ich daraus lernen kann für künftige Situationen.
Manchmal hilft auch ein Neustart im Kopf: Wenn z.B. die ersten zehn Pässe nicht ankamen, hilft es wenig zu urteilen: „heute ist nicht mein Tag“. Individuelle Techniken helfen, den Kopf frei zu machen, Kontakt zur Leistungsfähigkeit herzustellen, neu zu starten und besser ins Spiel finden.
Angst und Druck entstehen häufig durch Gedanken an Vergangenes und an die Zukunft. Wer sich auf diesen Moment, die aktuelle Situation konzentriert, fühlt sich psychisch stärker.

5.)    Aus welchen Gründen suchen Sportler einen Sportpsychologen auf?

Die Beweggründe sind sehr unterschiedlich. Viele Sportler wollen sich neu sortieren und ihre Leistung steigern. Oft kommen die Sportler erst, wenn Misserfolg oder eine schlechte Erfahrung eingetreten sind. Die Hemmschwelle vor psychologischer Unterstützung ist immer noch groß.

6.)    Sie waren bereits bei unserem Basketball-Nachwuchs im Einsatz. Wie kann Sportpsychologie schon bei 12/13 jährigen Basketballerinnen helfen?

Die Teamcoachings fanden zur Vorbereitung auf die hessischen Meisterschaften statt, also Wettkampfvorbereitung. Für die Mädchen war es der Erstkontakt mit einer sportpsychologischen Intervention. So ein Coaching prägt die Haltung der Mädchen zum Thema Sportpsychologie. Die hauptsächlichen Themen waren der Umgang mit Ängsten und Möglichkeiten, das Selbstbewusstsein jeder einzelnen und in der Gruppe zu steigern. Z.B. wie kann ich mich selbst steuern, wenn Angst und Nervosität auftauchen? Das sind Themen, die sie auch in ihren privaten Alltag integrieren konnten und nicht nur auf die Wettkampfsituation anwendbar sind.

7.)    Welche Unterschiede gibt es in der Arbeit mit Sportlern unterschiedlicher Sportarten? Einzel/Mannschaftssportart? Triathlon? Basketball? Tennis?

Beim Teamcoaching liegt der Schwerpunkt auf der Interaktion und Kommunikation innerhalb des Teams und der Teamstärkung. Beim Einzelsportler stehen seine individuellen Anliegen im Mittelpunkt. Ein Sprinter ruft in kürzester Zeit sein ganzes Leistungspotential ab und hat keine Zeit zum Ausgleich. Das erfordert eine gezielte Konzentration und Bündelung auf diese wenigen Sekunden. Ein Marathonläufer profitiert davon, wenn er sich über lange Zeit immer wieder neu mental steuern kann. Für einen Triathleten ist es u. a. wichtig, den Umgang mit Schmerzen zu lernen, also eine große Schmerztoleranz zu haben, und mental damit bewusst umzugehen.

8.)    Was sagen Sie z.B. zu einem Stürmer, der über mehrere Spiele nicht mehr trifft? Welche Maßnahmen gibt es?

Erst einmal ist es wichtig, einen Realitäts-Check zu machen, um eine realistische Erwartungshaltung zu entwickeln. Fehler zu machen, ist vollkommen normal. Angst zu haben, ist normal. Unter Druck zu stehen, ist normal. Wichtig ist, die Situation zu relativieren. Menschen sind keine Maschinen. Zentral ist zu prüfen: Wie rede ich innerlich mit mir und was denke ich über mich bzw. in der Situation? Bewusstes Denken ist trainierbar. Der Zugang zu den eigenen Fähigkeiten kann z. B. über bewusstes Denken, über die Körperwahrnehmung und über Bilder/Visualisierungen verbessert werden. Es können bisherige Erfolgssituationen wieder spürbar gemacht werden, so werden sie wieder lebendig. Zudem kann die bestmögliche Variante des Verhaltens und einer Spielsequenz bewusst visualisiert werden.

9.)    Was haben Rituale mit Psyche zu tun? Wie sinnvoll sind Rituale im Sport?

Grundsätzlich geben Rituale Halt und Sicherheit. Rituale gibt es aber nur nicht im Sport. Sonntagabend den Tatort schauen, kann z.B. auch ein Ritual sein. Rituale können verbindend wirken und helfen, sich zu fokussieren und zu konzentrieren. Auf der einen Seite geben sie Sicherheit, aber auf der anderen Seite kann eine „Abhängigkeit“ entstehen. Z.B. hört der Athlet vor dem Start immer über Kopfhörer eine bestimmte Musik und sind dann die Kopfhörer kaputt, kann das verunsichern. Manchen Athleten helfen Rituale, andere empfinden sie als störend. Grundsätzlich spricht sich die Psychologie für Rituale im Leben aus. Bei der Form und Umsetzung gibt es jedoch individuelle Unterschiede.

10.) Warum kann die Sportpsychologie im Rahmen der Trainerweiterbildung und -Ausbildung helfen?

In der Trainerausbildung wird für das Thema Sportpsychologie und für psychologische Prozesse sensibilisiert. Trainer sportpsychologisch zu unterstützen, finde ich sehr wichtig, sowohl in der aktiven Arbeit, als auch in der Aus- und Weiterbildung. Die Trainer bekommen hilfreiche Anregungen und Wissen vermittelt - z. B. über Gruppendynamik und wie sie ihre Kommunikation mit dem Team und ggf. den Eltern verbessern können, oder wie sie ihre Emotionen in Stresssituationen steuern können.

11.) Macht es Sinn, die Sportpsychologie in den allgemeinen Betreuungs-Apparat zu installieren?

Die Sportpsychologie sollte als Bestandteil der Betreuung zur Verfügung stehen, aber sie sollte keine uneingeschränkte Pflicht sein. Sie sollte zur Rund-um-Versorgung eines Sportlers gehören. Offen bleibt, ob es ein festinstallierter Sportpsychologe sein muss. Ob ein Psychologe denselben Arbeitgeber hat wie der Athlet kann insbesondere in der Karrieregestaltung einen großen Unterschied machen. Z. B. die Überlegung eines Vereinswechsels könnte der Athlet evtl. nur unter Vorbehalt besprechen wollen.
Es gibt immer mehr Vereine, die sich mit dem Thema Psyche im Sport bzw. Sportpsychologie befassen. Grundsätzlich ist wichtig, dass der Sportler oder Trainer die Hilfe in Anspruch nehmen will. Sie sollte leicht zugänglich zur Verfügung stehen.

12.) Wie und wann kann Sportpsychologie bei Verletzung helfen?

Sie kann während und nach einer Verletzungsphase helfen. Sie kann z.B. unterstützen, wenn während des Reha-Programms ein Isolationsgefühl entsteht, während das Team gemeinsam trainiert. Außerdem können mit Imaginationsübungen Bewegungsabläufe gezielt in der Vorstellung durchgespielt werden. Es gibt interessante wissenschaftliche Untersuchungen dazu, wie sich dies auf die Muskelaktivität auswirkt. Wenn das Training wieder aufgenommen wird, können Themen wie Angst vor einer erneuten Verletzung oder eine evtl. Über- oder Unterforderung aufgefangen werden.

13.) Was kann passieren, wenn ein Sportler keinen Sportpsychologen aufsucht?

Ob sportpsychologische Förderung in Anspruch genommen wird, entscheidet jeder Athlet und jeder Trainer für sich. Für mich ist das so: wenn ich mich psychisch und mental im Leistungssport nicht unterstützen lasse, ist das, als würde ich mit einem Bein laufen, obwohl ich zwei habe. Es ist ein Verzicht, alle möglichen Ressourcen optimal auszuschöpfen. Eine Sportlerkarriere verläuft sehr komprimiert. Niemand fährt zehn Mal zur Olympiade. Im Leistungssport – sowohl in der aktiven Ausübung als auch in der Karrieregestaltung - professionelle, psychologische Förderung anzunehmen, finde ich sinnvoll und außerordentlich wertvoll.

14.) Gab es Fälle, in denen Sie nichts mehr tun konnten?

Bisher bei mir nicht. Sollte dies einmal der Fall sein, kann ich auf mein Kompetenznetzwerk von verschiedenen Experten und Expertinnen zugreifen und vermittle gerne den passenden Kontakt zu einem Kollegen oder einer Kollegin. Gut vernetzt zu sein und je nach Bedarf zu kooperieren, gehört für mich mit zu meiner professionellen Arbeit. So entsteht für alle Beteiligten das Bestmögliche.

15.) Was geben Sie unseren Lesern mit auf den Weg?

Spontan fällt mir ein: „Anrufen!“ Lieber früher als zu spät den Sportpsychologen konsultieren. Denn jeder, der Unterstützung annimmt, hat schon eine Grundstärke, nämlich Hilfe annehmen zu können.
Bei allem Druck und Leistungsstreben ermutige ich jeden Sportler und Trainer dazu, eines immer lebendig zu halten: Freude, Spielfreude, die Freude am Sport!

Die Sportpsychologin Birgit Zmrhal ist auf Persönlichkeitsentwicklung und Karrieregestaltung spezialisiert. Sie hat u. a. für Eintracht Frankfurt Basketball Teamcoachings und eine Trainerfortbildung durchgeführt.

Birgit Zmrhal
Dipl. Psychologin, Sportpsychologin
Tel.: 069-15347248
E-Mail: zmrhal@lifechanger.de
www.lifechanger.de

Das Interview führten Leonie Wegt und Nina Bickel


 

Vereinskalender