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Traum oder Wirklichkeit? Damen 1 im Tiebreak gegen Speyer…

Sonntag, 27. Februar 2011, 14:51

„Einen wunderschönen guten Tag, Frau Eintracht“, begrüßte mich meine Psychologin. „Welches kleine Anliegen führt Sie denn heute zu mir?“ In meinem Kopf drehte sich alles. Es gab so einiges, was ich ansprechen wollte. Aber womit sollte ich nur anfangen? Von dem Dilemma oder diesem wunderschönen Traum? Ich begann mit letzterem.

„Werte Frau Psychologin, ich hatte einen eigenartigen, aber solch wunderbaren Traum... Am Samstag hatten wir erneut ein Volleyballspiel. Diesmal gegen den derzeitigen Tabellenzweiten TSV Speyer. Sie wissen ja, ich spiele in der Regionalliga und nach einem fulminanten Saisonstart von fünf Siegen in Folge möchte uns nun nichts mehr wirklich gelingen. Aber am Samstag… der 1.Satz verlief sehr gut. Durch eine solide Annahme konnten wir  immer wieder Akzente im Angriff setzen. Unsere Zuspielerin Julia Schwarzlose verteilte gekonnt die Pässe und setzte alle Angreiferinnen in Szene. Sofern Speyer einen Angriff aufbauen konnte, zeigte Libera Jacqueline Pfeiffer eine bärenstarke Abwehr, sodass kaum ein Ball in unserem Feld zu Boden fiel. Besonders grandios ist mir noch Franzi Döhrings Aufschlagserie in Erinnerung. Tatsächlich baute sie unsere Führung von 14:16 auf 24:16 aus! Meine Güte, wie mein Herz hüpfte! Und da war es auch schon passiert. Wir holten uns den Satz mit 25:18!“ „Na aber das ist ja erfreulich. In unseren letzten Sitzungen saßen Sie hier sehr viel trauriger und waren weitaus betrübter.  Und wie ging es weiter?“ fragte meine Psychologin.

Natürlich musste ich unentwegt weiter berichten: „Wie gewandelt seit den letzten verlorenen Partien führten wir unser erfolgreiches Spiel fort. Wir zermürbten geradezu den Gegner und ließen Speyer keine Chance. Wir zogen Punkt um Punkt davon. Bäng! Wieder ein knallharter Angriff! Und Booom, ein undurchdringlicher Block! Wir übertrafen uns selbst, gewannen Satz zwei und kurzerhand auch Satz drei! Sie glauben gar nicht, wie stolz unser Trainer auf uns war und uns mit Lobeshymnen überschüttete…“. Ich hielt kurz inne. Jetzt kam der kritische Aspekt an der ganzen Sache. Hm, wie sollte ich es nur sagen?! „Naja“, zögerte ich. „Und dann war mir auf einmal ganz schwindelig. Irgendwie war alles verschwommen, alle Mitspielerinnen waren plötzlich ganz fern. Ihre Gesichter wurden blasser und trauriger. Ich sah plötzlich nur noch lachende und feiernde Speyerinnen. Und da wurde es mir bewusst! Ich wachte auf…“.

Ein tiefer Seufzer entglitt mir und ich senkte den Kopf.  Frau Psychologin legte mir eine Hand auf meine Schulter und sprach mir Mut zu. Ich solle mich noch einmal genau konzentrieren und alles rekonstruieren, damit sie mir helfen könne. Das würde schwer… Nagut. „Ich erinnere mich, dass der erste Satz tatsächlich so gelaufen ist, wie ich es Ihnen beschrieben habe. Sehr euphorisch begannen wir auch im zweiten Satz. Über weite Strecken dominierten wir die Gäste aus Speyer. Besonders Franzis kurze Lobs brachten sie immer  wieder in Verlegenheit und Mareike Harder wusste über die Außenposition mit harten Angriffen zu beeindrucken. Es schein, als habe sich Speyer bereits auf den Heimweg gemacht. Eigenfehler auf Seiten der Gäste überhäuften sich und machten es uns einfach, Punkt um Punkt dem zweiten Satzgewinn näher zu kommen. Beim Stand von 23:16 für uns machte sich ein Gefühl breit, welches man… ich glaube Sicherheit nennt. Doch kann es sein, dass Sicherheit unwillkürlich schnell von einem Mangel an Selbstsicherheit abgelöst wird und sich in Angst umwandelt? Angst vorm Gewinnen? Irgendwie hatte ich das Gefühl. Denn nun wandelte sich das Bild und wir machten unnötige Eigenfehler. Die Annahme wackelte, Bälle fielen reaktionslos zu Boden und der Kloß im Hals schwoll an.  Da dachte man, Speyer befände sich bereits auf der Autobahn und dann sowas… sie gewannen den 2.Satz mit 26:24! Ich fühlte mich schlecht. Im Elativ ausgedrückt sogar megaschlecht. Nicht nur, weil der 2.Satz so unnötig vergeigt wurde, nein, auch weil sich das Szenario im 3.Satz fortzusetzen drohte. Gleich zu Beginn folgte ein Annahmefehler dem nächsten. Das Zuspiel wurde weniger variabel und auch in der Abwehr wurden wenige Bälle erfolgreich nach vorne gebracht. In kurzer Zeit stand es 11:19 gegen uns. Leider brachte ein kurzes Aufbäumen mitunter durch eine kleine Aufschlagserie von Mareike Harder nichts, um den Satzverlust (19:25) zu verhindern.“

Ich holte tief Luft. Die Stille innerhalb des Praxiszimmers schlug mir in diesem Moment ziemlich aufs Gemüt. Konnte dieser Teil meines Berichts nicht ein Traum sein? Ich wollte gar nicht weitererzählen. Doch ich musste. Andererseits würde ich wohl nie geheilt werden. Zumindest sagen das immer alle: Sprich über deine Gefühle. Führe dir alles nochmal vor Augen. Okay, okay, also los. Ich führte das Spiel fort: „Natürlich wollten wir nicht wieder verlieren. Natürlich wussten wir, dass es nun um viel ging. Zunächst gestaltete sich alles wieder etwas ausgeglichener. Wir hatten uns nach einer Standpauke unseres Trainers Jens Völkel zusammengerauft. Doch es passierte wieder, wir brachen in ein Loch. Plumps stand es 10:16. Können Sie mir sagen, wie es immer zu solchen Tiefschlägen kommt? Ich verzweifel nochmal daran. Glücklicherweise, fragen Sie mich nicht, wodurch das ausgelöst wurde, steigerte sich unsere Stimmung urplötzlich. Vielleicht hat jemand einen Knopf gedrückt… oder einen Motivationsduft versprüht!? Jedenfalls bäumten wir uns nochmal auf. Roxy Cionga legte eine tolle Aufschlagserie hin und holte uns vom 13:18 zurück ins Rennen. 20:18 hieß es für uns und plötzlich schien das Feuer entfacht und wir konnten den Satzausgleich feiern (25:21). Tiebreak!“

Allein vom Erzählen wurde mir heiß und die Bilder rauschten nur so vor meinem inneren Auge vorbei. “Der Tiebreak startete so positiv wie selten. 6:1 führten wir und es fehlte nicht viel. Die Annahme hatte sich stabilisiert und die in den vorherigen Sätzen unauffällige Roxy konnte ihre harten Angriffsschläge versenken. Eine kurze Schwächephase ließ Speyer allerdings wieder rankommen. Beim Stand von 8:6 wechselten wir die Seiten und auch die nächsten Punkte konnten wir auf unserer Seite verbuchen. Ein ungewöhnlich langer Ballwechsel, der von zahlreichen Glanzabwehraktionen von Jacqueline Pfeiffer geprägt war und kämpferischen Biss zeigte, führte zu einem 11:7 für uns!“
Als ich das alles nochmals erzählte, wurde mir immer bewusster, welch tragisches Ende uns ereilte. Meine Güte, 11:7 im Tiebreak… solch gute Voraussetzungen. Ich schluckte. 11:7! Mein Kopf senkte sich und ich musste eine Träne unterdrücken. Scheinbar schüttelte ich unentwegt den Kopf, denn Frau Psychologin holte mich aus meinen Gedanken: „Frau Eintracht. Möchten Sie fortfahren? Oder wollen wir eine Pause einlegen?“ „Nein, es geht schon.“ Und ich erzählte weiter. „Jedenfalls nützte auch das vorangegangene Ass von Vicky Graf zum 11:7 nicht, um bei der Stange zu bleiben. Punkt um Punkt kamen die Gäste aus Speyer wieder heran. 12:9, 12:10. Warum kam bloß keine Auszeit? Irgendetwas? 12:11, 12:12. Auszeit. Doch das war zu spät… oder half nichts mehr… wie auch immer man es sehen möchte, wir machten keinen einzigen Punkt mehr und am Ende sprangen glückliche Speyerinnen in unserer Halle umher und ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend. Nein, wie ein Haufen Elend. Warum gewinnen wir nicht? Ist das denn so schwer? Das gibt es doch nicht!!!“ Meine Gesichtszüge zogen sich in Zornesfalten. „Frau Eintracht, Ihren Schilderungen nach zu urteilen stelle ich die Vermutung an, Sie haben Angst vorm Gewinnen. Blockaden im Kopf, psychischer Stress… ich schätze, wir müssen dieses Problem in der nächsten Sitzung dringend angehen. Am besten schreiben wir das auf unsere Liste,“ und Frau Psychologin kritzelte eifrig auf ihrem Notizblock. Oder war das schon der Rechnungszettel?...

Bis zur endgültigen Abrechnung folgen nun noch drei Sitzungen. Während gegen den Tabellenführer Saarlouis noch ein dicker Brocken auf uns wartet, stehen auch noch die Partien gegen Wehlheiden und Waldgirmes an. Frau Psychologin sagte noch, sie sei sich sicher, dass ich bald geheilt werden würde. Zwar müsse noch einige Aufbauarbeit geleistet werden, doch von Sitzung zu Sitzung kommen wir unserem Ziel ein Stückchen näher. Dann gehen wir es mal an, denn SIEGEN, jawohl, SIEGEN wollen wir!

Von: iz

 

 

 


 

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