Törtchenzeit – oder täglich grüßt das Murmeltier
Mittwoch, 16. November 2011, 22:58
Törtchenzeit – oder täglich grüßt das Murmeltier
Ja, ja, schon gut. Lange nichts hören lassen, von uns. Keine Ankündigung, kein Bericht, einfach nichts. Was ist also los? Ganz einfach: Es fehlen die Worte. Klingt beinahe unglaubwürdig, ist aber wahr. Der Anspruch an den D2 Nachrichtendienst ist irgendwie, aufgrund der normativen Kraft des Faktischen, seit jeher mit einem gewissen Maß an Kreativität, Komik, Enthusiasmus, Ironie und, unleugbar, auch stets ein bisschen Drama, baby, verbunden.
Einzelne Berichte über bisher absolvierte Spieltage wären jedoch spätestens nach dem dritten Spieltag ähnlich spannungsgeladen daher gekommen wie die 38. Wiederholung von „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ jedes Jahr im Dezember. Und mal ehrlich, die wahllose Aneinanderreihung sportlicher Plattitüden, etwa „vor dem Spiel ist nach dem Spiel“ oder „wir müssen jetzt die Köpfe hochkrempeln – und die Ärmel auch“, entlockt dem, unterstellt intelligenten, Leser nur mehr ein müdes Arschrunzeln. Was also berichten, wenn die abgelieferten Spiele weder kreativ, ganz und gar nicht komisch, maximal mittelenthusiastisch, ja, nicht mal fühlbar dramatisch waren und der französische Literaturnobelpreisträger Anatole France schon im letzten Jahrtausend die Ironie als letzte Phase der Enttäuschung beschrieb? – Den zum elf beide ausgeglichenen 0:8 Rückstand im ersten Tiebreak der Saison, den man dann doch lieber nicht gewinnen wollte und daher schleunigst verdrängt hat, mal ausgeklammert. Das war derart dramatisch absurd, dass man diesen Tag besser dem sofortigen Vergessen anheim fallen lies. Nachgereicht als bildliche Entsprechung: „Der Schrei“ von Eduard Munch.
Dessen ungeachtet, werfen wir nun doch einen Blick zurück. Frei nach dem Motto „und täglich grüßt das Murmeltier“ muss sich der Trainer fühlen, als säße er in einer Zeitschleife fest. Albtraumhaft – und das ist gewiss mehr als nur eine bloße Vermutung – durchlebt er wieder und wieder dieselbe Situation: Auf dem Spielfeld stehen 6 Spielerinnen, die zwar in der Tat so aussehen, wie diejenigen, die er drei Mal in der Woche in der Halle trifft, deren Wettkampfleistung jedoch kaum mit der im Training erbrachten Leistung in Verbindung, geschweige denn in Einklang, zu bringen ist. Drängt sich also die Frage auf: Wer sind diese Frauen? Und wenn es die sind, von denen er doch annehmen muss, dass es die sind, was, verflixt und zugenäht, tun sie da?
Und die? Also, die Frauen da? Die sind stets bemüht, daran ist keine Sekunde zu zweifeln! Ein bisschen erinnern die Spielerinnen in ihrem Bemühen dabei vielleicht an Scrat. Wer kennt es nicht, dieses liebenswerte, urzeitlich tragikomische Geschöpf, dass verzweifelt versucht die vermaledeite Nuss in den eiszeitlichen Boden zu rammen, während um es herum die Welt einfriert? Ein grandioses Bild! Jeder kann sich einfühlen, in das leidenschaftliche Wollen, erkennt den ambitionierten Plan, die rigorose Beflissenheit bei der Verfolgung desselbigen – und amüsiert sich noch im gleichen Atemzug königlich über die aberwitzige Ignoranz gegenüber den äußeren Umständen sowie das offenbare Unvermögen, das eigene, augenscheinlich wenig Ziel führende, Verhaltensmuster zu ändern. Hätte es wohl etwas ausgerichtet, wenn Manni das Mammut gesagt hätte: „Alter, die Evolution ist an Dir wohl auch vorüber gegangen, wenn Du so weitermachst, wirst Du noch aussterben?“. Unwahrscheinlich. Darauf hätte er schon selbst kommen müssen.
Dass die Kreatur schlussendlich nicht ausgestorben wurde, hatte vermutlich dramaturgische Gründe. In der Jetztzeit ist schlechterdings nicht davon auszugehen, dass mit samaritanischer Rücksichtnahme zu rechnen ist, wenn es für die Eintrachtlerinnen um den Verbleib in der Oberliga geht. Das müssen sie schon selbst tun. Einfrieren ist schließlich auch keine Option.
Wir stellen fest: Das entscheidende Fürwort an dieser Stelle ist „selbst“! Fatal in der Kombination mit dem Verb tun, denn damit geht die Notwendigkeit einher, aus sich selbst heraus zu handeln. Das ist monströs. Vor allem monströs anstrengend. Übertrieben? Drama baby? Äh, nein: Fakt. Ein anderer Weg erschließt sich kaum, denn das bloße Zureden von außen, wird, wie bisher, wirkungslos verpuffen. Ob es sich dabei um die Bescheinigung von grundsätzlichem Spielvermögen, die Ermutigung, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben oder die Versicherung in der Liga mithalten zu können. Um nun doch eine Plattitüde zu bemühen: Der berühmte Knoten muss in jedem selbst platzen.
Diese Erkenntnis ist wahrlich nicht neu, nur muss man sich ihrer stets aufs Neue gewahr werden – und feststellen, dass man das genau so will. Denn niemand wird gezwungen, seine Zeit zu investieren. Niemand wird von einer unsichtbaren Macht heimgesucht und drei Mal pro Woche in eine Turnhalle gezerrt, um dort über Holzkästen zu hüpfen, Miniaturleitkegel in Hockhaltung zu umrunden, Gummibänder zu dehnen oder gar Ball zu spielen. Keine schwarz gewandeten Ballgeister wallen röchelnd durch die Frankfurter Gassen, um die mit dem Adler auf der Brust am kostbaren Wochenende in den Wettkampf zu treiben. Hey, wir wollen das so. Und, es mag den ein oder anderen überraschen, aber genauso wenig hat eine geheime Erfolgverhinderungsgesellschaft in einer Nacht und Nebel Aktion den Spielerinnen unbemerkt Antisiegerserum in den Morgenkaffee geträufelt und dafür gesorgt, dass aus einem Angriffsfeuerwerk eine harmlose Törtchenlieferung für den Gegner wurde. Nein, diese Ambitionslähmung ist total hausgemacht. Das wiederum hat den unschlagbaren Vorteil, dass es die Mannschaft und damit jede Spielerin selbst – da ist es wieder dieses gemeine Wort – in der Hand hat, sich mit dem abgefeimten Gedanken vertraut zu machen, in der Oberliga anzukommen, sein Bestes zu geben, mitzuhalten und – Obacht! – zu gewinnen. Nur Mut. So irre wie Scrat sind wir allemal – und der hatte am Ende die größte Nuss von allen!
Wer die Mannschaft bei ihrem psychosozialen Moratorium begleiten möchte, ist herzlich eingeladen so zu tun. Nächste Gelegenheit:
Heimspiel
Samstag, 19.11.11
17.00 Uhr
Werner-von-Siemens Schule
Gutleutstraße 333
Von: br