Kreisstadtlauf 2012 – ein Laufbericht aus anderer Sicht
Samstag, 02. Juni 2012, 17:54

Zur Einführung ein paar Worte zu meiner Person:
Ich bin 51 Jahre alt, seit mittlerweile sieben Jahren aktiver Laufsportler auf Streckenlängen von 10 km bis derzeit Halbmarathon. Mein Name ist Uwe und ich bin blind – juristisch jedenfalls, auch wenn ich bei scharfen Kontrasten noch Schatten und Umrisse erkennen kann. Also kein Leben im Dunkeln, aber ein Leben mit einem ziemlichen Grauschleier und zu wenig Sehrest, um allein laufen zu können. Daher benötige ich einen Begleitläufer, der / die mich über die Strecke führt.
Dies ist der Bericht von meinem ersten Lauf für das Eintracht Frankfurt Triathlon Team, dem Kreisstadtlauf von Hofheim nach Frankfurt-Höchst am 17. Mai 2012.
Mein heutiger Begleiter ist Hans Dietmar, und es ist unser erster gemeinsamer Wettkampf. Wir haben uns in den letzten Wochen mehrfach getroffen und Trainingsläufe gemacht, um uns aneinander zu gewöhnen und aufeinander einzustimmen.
Beim Laufen sind wir durch ein Band verbunden um den Kontakt nicht zu verlieren. Normalerweise reicht dass, damit ich mich orientieren kann. In scharfen Kurven, bei dichtem Gedränge oder sonst wie schwierigen Situationen greift er meinen Arm um mich zu führen. Heute steht also die Bewährungsprobe an.
Als wir uns am Morgen in Hofheim einfinden, bin ich schon etwas nervös. Nicht wegen des Wettkampfs – ich habe in den letzten Jahren 50 – 60 Wettkämpfe hinter mich gebracht und bin da kaum aus der Ruhe zu bringen. Aber ein neuer Verein, das Trikot mit dem Adler (Micha hat es mir auf die Schnelle noch organisiert, auch dafür meinen Dank) – so ist die Situation doch irgendwie neu, auch wenn ich hier bereits zum sechsten Mal laufe.
Wir reihen uns in der Startaufstellung ein. Aufpassen, dass wir nicht zu weit hinten stehen, denn während einzelne Läufer sich immer noch irgendwie durchschlängeln können, ist Überholen für uns echt schwierig, da wir ja nebeneinander laufen und relativ viel Platz brauchen.
Der Lauf beginnt in dichtem Gedränge. Hans Dietmar greift mich am Arm, um mich besser führen zu können, und so können wir recht gut im Gedränge mitschwimmen. Nach rund 500 Metern biegt die Strecke nach rechts ab, der Weg wird breiter und wir bekommen mehr Raum. Hans Dietmar lässt meinen Arm los und ich kann endlich frei laufen. Wir sind jetzt nur noch durch das Band verbunden, um uns im Gedränge nicht zu verlieren, aber so lange es geradeaus geht, ist das kein Problem.
Die Strasse ist mit Zuschauern gesäumt, was diesen Lauf so nett macht. Endlich mal was anderes als einsame Wälder. Allerdings kommt bei Kilometer zwei einer der Zuschauer auf den Gedanken, er könne ja mal ein Familienfoto mit Laufkulisse machen und springt vor uns auf die Strasse; Hans Dietmar greift zu und zieht mich am Arm zur Seite - kein Problem.
Kurz nach Kilometer vier kommt ein Wendepunkt, Hans Dietmar greift wieder zu und zieht mich in die Kurve. Dann unter der Autobahn durch und ab nach Zeilsheim. Hier ist wieder Stimmung an der Strecke, und das macht munter. Locker geht es weiter, gelegentlich über Kanten und Bürgersteige, wo wir wieder eng zusammen laufen.
Ab Kilometer sechs laufen wir auf die Walker auf. Freundlich wie sie nun mal sind, marschieren sie teilweise zu dritt nebeneinander und geben ihr Bestes, um die Strecke zu blockieren. Das fällt besonders auf, als wir beim Wechsel von der breiten Straße auf einen relativ schmalen Radweg auf eine Sperrriegel von drei Walkerinnen stoßen, die wir nur mühsam überholen können.
Na ja, woanders starten die Walker nach den Läufern, um niemanden zu behindern, hier ist es gerade umgekehrt.
Nach siebeneinhalb Kilometern geht es unter der S-Bahn durch – runter, rauf, Kurven und wieder ans Licht; danach geht es in den Industriepark, den man als Betriebsfremder sonst nie zu Gesicht bekommt.
Als wir das Gelände verlassen, geht es Richtung Main weiter. Hier wird die Strecke endgültig schwierig, Kanten von Bürgersteigen, das Kopfsteinpflaster am Mainufer, mehrere Schwellen am Boden und das zunehmende Gedränge auf der Strecke machen es immer schwieriger für uns. Ich gebe die Hoffnung auf einen Endspurt auf, aber selbst bei unserem Tempo überholen wir dauernd.
Dann kommt die letzte Linkskurve hoch zum Schlossplatz. Hans Dietmar greift wieder meinen Arm, rum um die Kurve und die letzten Meter die Rampe hoch, durch das Maintor, über die Matte und auf den vollen Schlossplatz.
Die Kulisse ist wie immer gigantisch; eine tolle Umgebung, der ganze Platz voller Mensch – wann hat man das sonst schon mal? Da stören dann auch die 52 Minuten Endzeit nicht lange, Bestzeiten laufen wir ein anderes Mal.
Da es von Höchst bis zu uns nach Hause nicht weit ist, laufen wir die paar Kilometer bis Nied gemütlich aus, gemeinsam mit meiner Frau Patricia und meinem kleinem Bruder Klaus. Da sich das Wetter dazu geradezu anbietet, lassen wir den Lauf mit einem gemeinsamen Grillen gemütlich ausklingen.
Alles in Allem ein schöner Lauf und ein schöner Tag, auch wenn ich mit meiner Zeit nicht wirklich zufrieden bin, aber es gab keine Probleme, und das Zeitproblem werde ich später regeln.
Von: Uwe Wittemeier