Im Rahmen von "Sportgeschichte am Nachmittag" des Eintracht Frankfurt Museum hielt Rugby-Oldie und Museumshelfer Hans Kasprzyk am 06.04.16 einen Vortrag zum Thema "Rugby in Frankfurt". Neben dem interessanten Vortrag der nachfolgend von Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) zusammgefasst wurde, freute es Hans insbesondere, dass die Rugbyabteilung nun endlich eine eigene Vitrine im Eintracht Frankfurt Museum bekommen hat. Hierfür hatte Hans über Jahre wichtige Reliquien aus alten Zeiten zusammengetragen und recherchiert.

 

 

Als 1880 für die Eintracht der Angstgegner war (H.-J. Leyenberg)

Wie der Rugby-Sport einst die Stadt einte - und teilte

Heute kann man es ja verraten: In den fünfziger Jahren hatten Schüler bessere Karten beim Lehrer, wenn sie Rugby spielten. Hans Kasprzyk hat das ausgeplaudert. Im Museum der Frankfurter Eintracht bei seinem Vortrag "Rugby in Frankfurt". Der drahtige Mann wird noch in diesem Jahr 80 Jahre alt. Die, die ihm in der Reihe "Sportgeschichte am Nachmittag" zuhörten, konnten alle mitreden, wenn es um die Nachkriegszeit ging, denn sie waren auch mal wie Kasprzyk "Rugger" und werden es bleiben.

 

Weil ihr Sport ein Stück weit eben auch eine Lebensphilosophie ist, ein Synonym für gegenseitigen Respekt. Mit einem Zusammenhalt weit über das einstige Spielfeld hinaus. Im Museum hatte sich auch ein halbes Dutzend Männer eingefunden, die einst in der Bornheimer Mittelschule mit dem Rugby angefangen hatten. Und sich immer noch regelmäßig treffen - auch wenn gut 60 Jahre später kein Ball mehr im Spiel ist. Damals sagte man tatsächlich noch Ball, das ovale Ei wurde erst 1975 eingeführt.

 

Die Blütezeit des Frankfurter Rugbys war zugleich die große Zeit der Universalsportler, die etwa außer Handball und Hockey halt auch noch Rugby spielten. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich eine Rivalität zwischen dem SC 1880 Frankfurt und der 1923 gegründeten Rugby-Abteilung der Frankfurter Eintracht, die sich allenfalls noch mit der im Fußball zwischen Frankfurt und Offenbach vergleichen ließe. Seit 1956 ist Kasprzyk Mitglied der Frankfurter Eintracht. Für die Rugger von der Eintracht galten die "Achtziger" von der Adickesallee als die "Unbezwingbaren". Bis der SC 1880 im Jahr 1932 erstmals bezwungen wurde, die Eintracht es in der Spielzeit 1937/1938 sogar zur deutschen Meisterschaft brachte. Es waren die Blütejahre des deutschen Rugbys, als zwischen 1927 und 1938 zwei von drei Länderspielen (mit 14 Nationalspielern vom SC 1880) gegen Frankreich gewonnen wurden. Undenkbar angesichts der heutigen Kräfteverhältnisse.

 

1971 zählten sowohl der SC 1880 als auch die Eintracht zu den Gründungsmitgliedern der zweigeteilten Rugby-Bundesliga. Die Rugger von der Adickesallee sind erstklassig geblieben, sogar mehrfach deutsche Meister geworden, während die Eintrachtler zweitklassig nur noch eine bescheidene Rolle spielen. Als Untermieter für das Training auf dem Terrain von Vorwärts Frankfurt und mit ihren Punktspielen auf dem Platz an der Philipp-Holzmann-Schule haben sie auf lange Sicht keine feste Bleibe. Die 15er der Frauen, die es seit 1989 ja auch noch gibt, trägt ihre Heimspiele in Mainz aus. Stolz spricht aus Kasprzyk, sobald er von der "hervorragenden" aktuellen erstklassigen weiblichen 7er-Auswahl erzählt, die olympische Variante des Rugbys.

 

Dieser Ballsport hat bewegte und bewegende Zeiten hinter sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es rund 14 Schüler-Vereine in Frankfurt mit Namen wie Arminia, Concordia, Teutonia, Franconia oder Fortuna, die eine Blüte des Rugbys verhießen, doch sie war nicht von Dauer. Das Berufsleben begann, man ging zur Uni oder zur Bundeswehr. Und dann war da natürlich der Boom des Fußballs, der weniger Spieler erfordert, in der Summe ungefährlicher ist, weniger Ansprüche an das Spielfeld stellt.

 

Der Raum für die Rugger ist knapp geworden. Einst sind sie auf der Körnerwiese aktiv gewesen, an der Festhalle, an der Bockenheimer Landstraße, der Hundswiese, den Mainwasen, am Riederwald, dessen Eigenschaft von Aktiven als "Sahara" charakterisiert wurde. Rugby-Freunde haben von jeher gelernt, mit Herausforderungen zu leben und sie zu meistern. Wer die in einer Vitrine des Eintracht-Museums ausgestellten Feldpostbriefe liest, bekommt eine Ahnung davon. Im Krieg wusste jeder der Rugby-Kameraden, wo der andere war oder eben nicht mehr. Den Kontakt halten, das war Ehrensache.

 

Die Rugby-Familie ist überschaubar geworden, aber die Zukunft verspricht Zuwachsraten. Der SC 1880 Frankfurt ist glänzend aufgestellt und profitiert von seiner herausragenden Jugendarbeit, während in der Eintracht viel improvisiert werden muss, aber das hat, wenn man den ehemaligen Junioren-Nationalspieler Kasprzyk hört, ja auch seinen Charme.

 

Als Zugabe gab es im Museum noch Videoausschnitte von der vergangenen Rugby-WM in England. Die alten Recken konnten nicht genug bekommen von dem Sport, der ihre Leidenschaft geblieben ist. Da waren sie ganz beim Referenten: Der Fußball sollte sich ein Beispiel am Rugby nehmen, vor allem wenn es um die Akzeptanz von Schiedsrichter-Entscheidungen und das Miteinander auf dem Rasen geht. "Bleibt unserem Sport treu", so die Schlussworte des Kameraden Kasprzyk. Dabei versteht sich das in diesem Kreis von selbst.

 

HANS-JOACHIM LEYENBERG

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2016, Nr. 82, S. 31)