Das Sportrait: Curling

Das dritte Sportrait führte mich auf Glatteis. Die Curling-Gruppe unserer Eissport-Abteilung begleitete mich nicht nur durch das ungewohnte Terrain des Eises, sondern auch durch die mir völlig neuen Bewegungsformen. Lesen Sie mein drittes Probetraining, erfahren Sie das Wichtigste über die Abteilung und wie Sie mitmachen können!

Ach, was habe ich es geliebt: Curling bei den Olympischen Spielen. Es mag langweilig und behäbig wirken, aber mir gefiel das Geschlitter, Geschubse und Geschrubbe sehr. Ich kenne Curling nur aus dem Fernsehen. Die Sendezeiten waren spärlich gesät, aber irgendwann in der 16-Stunden-Olympia-Dauerübertragung mussten Steinbrecher, Cerne und Co. in die Curling-Arena abgeben, weil alle Hintergründe und Insidereien von Kati Witt bereits ausgiebigst aufgespürt und ausgestrahlt wurden und weil  innerhalb des olympischen Areals sonst nichts Sportliches mehr lief. Zum Glück! Ich hab es gerne geschaut. Und nun darf ich den ersten Sport-Exoten der Eintracht-Familie selbst erschlittern.

Samstagvormittag. Eissporthalle. Außer meinen heimischen Spielbeobachtungen und einigem unnützen Wissen – Curlingsteine wiegen 20 Kilogramm und das Rohmaterial der besten Steine stammen von einer kleinen schottischen Insel – gehe ich ziemlich blind an das Thema heran. Mit warmen Klamotten und Sommerschuhen, die Vettels Trockenbereifung ähneln,  tapse ich wie ein vom Winter überraschter Erpel aufs Eis. Entwarnung: Curling-Eis ist viel rauher als der spiegelglatte Untergrund vor Beginn eines Eishockey-Drittels. Das ist notwendig, damit sich zum einen Fußgänger sicher fortbewegen können und zum anderen, damit sich die Steine auch drehen. Ich schnappte mir Besen, Stein und einen Slider und ließ mir zeigen, wie man damit umzugehen hat. Ein Slider ist ein Erpel-Gefühl-Ermöglicher. Eine Sohle, die agil ist, wie ein Stück Seife in der Nasszelle. Das Ding unter seinen Schuh zu legen, ist wirklich nur dann empfehlenswert, wenn man quasi reibungslos angleiten möchte. Und genau daran machte ich mich nun – ohne Stein. Mit meinen ersten wackeligen Versuchen muss ich derart unbeholfen und mitleiderregend ausgesehen haben, dass sich Philipp Schuran meiner annahm. Der in der Spielgemeinschaft Eintracht Frankfurt/CC Hamburg in der Deutschen Meisterschaft der Junioren antretende 16-Jährige zeigte mir Kniffe und Tricks für das unfallfreie Spielen eines Steins. "Curling ist so interessant, weil es eine spannende Kombination aus Präzision, Taktik/Strategie sowie Kraft und Ausdauer ist. Das Mentale oder physische alleine hilft einem nicht. Erst die Vernetzung aller Faktoren macht einem zum guten Curler", sagt Robert Krüger, der auf der Nachbarbahn schliddert. 'Schön gesagt', denke ich mir und will es jetzt selbst wissen. Also Stein in die Hand, Besen in die Andere, ein Fuß auf den Slider, den anderen zum Abstoßen auf die Starthilfe, „Hack“ genannt: Abdrücken, Körperschwerpunkt über den Slider-Fuß bekommen, Stein minimal nach links oder rechts drehend loslassen, dabei wild mit Armen und Oberkörper durch die Gegend rudern und beobachten, wohin es das 20-Kilo-Geschoß treibt. Nach dem vorsichtigen Aufstehen muss man schließlich nur noch behaupten, dass man den Stein absichtlich weit über das Ziel, das sogenannte „Haus“ hinaus geschoben hätte oder das Eis dieser Bahn eine verwirrend ungewohnte Oberfläche böte.
In der Tat sind die Eissorten auch für einen Laien unterscheidbar. Während der gesamten dreistündigen Trainingseinheit war ich auf allen drei Bahnen aktiv und merkte schnell, dass der Stein jeweils anders reagierte. Könnte natürlich auch an meinem Unvermögen liegen, einen Stein wirklich kontrolliert zu spielen. Nach 20 Minuten Individualtraining gingen wir gemeinsam zum richtigen Spiel über. Vier gegen vier. Das ließ bisher unbekannte Schwächen durchblicken. Wischen zum Beispiel. Dem Curlingstein über 10 bis 15 Metern hinweg eine angewärmte Lauffläche anzubieten, damit dieser weiter und weiter geradeauß rutscht, kostet so immens viel Kraft, daß ich bald im T-Shirt spielte. Bei den gestischen Ansagen unseres „Skips“ Philipp, wo ich den Stein hinzulegen hätte, ließ ich erkennen, dass ich sie nicht verstand. Ich curlte in die falsche Richtung und verfehlte das ein oder andere Mal den Bestimmungsort. Eine junge Dame, die heute ebenfalls das erste Mal anwesend war, gab mir „skipetarisch“-Nachilfe. Warum wusste sie das und ich nicht? Dafür wusste ich, dass der Vortrieb des Steins aus dem Bein kommt, nicht aus dem Arm, wie sie es tat. Drittens brachte mich im Spiel die Balance noch ein wenig aus dem Gleichgewicht. Irgendwo zwischen unruhig wackelnd bis auf-die-Fresse-fliegend schob ich mich über die ersten Meter des Eises. Setzt man das Standbein beim Lösen aus dem Block nicht vollständig unter den Körperschwerpunkt, verliert es dank des Sliders rasch seinen Halt und flutscht von dannen wie eine falsch angestochene Erbse über einen Tellerrand. Das geschah zwar nur einmal, aber eigentlich reicht das auch. Gewonnen hat mein Team leider auch nicht. Deshalb bin ich im Anschluss ins erneute Techniktraining geflüchtet. Diesmal bei Andreas Hofmann. Die Folge: Ich kann es noch immer nicht besser, hatte aber leichten Muskelkater im hinteren Oberschenkel.

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